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Kapitel 22  Napoleon und das Erlöschen des alten Kaiserreichs

Von der Daniel-Apokalypse leiteten Kirchenväter die Vier-Reiche-

Lehre ab, der zufolge das Römische Imperium das letzte von vier

Reichen vor der Ankunft des Antichristen sei. Das Heilige Römi-

sche Reich Deutscher Nation sieht sich, schon am Namen erkennbar,

in der Nachfolge des antiken Römischen Imperiums. 

Von der bloßen Existenz des Kaiserreichs erhoffen sich manche

Christen, dass der Antichrist aufgehalten werde.  Erst nach dem

Ende des Kaiserreichs ist er zu gewärtigen, „der Mensch der

Gesetzlosigkeit, der Sohn des Verderbens, der sich widersetzt

und überhebt über alles, was Gott heißt oder Heiligtum“,

2. Thessalonicher-Brief Kapitel 2 Vers 4.  (Näheres zum Reichs-

mythos bei H.A. Winkler, Geschichte des Westens, 2009, S. 46f.) 

Dass N. sich von daher für das Ende des Kaiserreichs interessiert,

ist klar, und ebenso, welches Licht dann auf einen Mann wie

Napoleon fällt.

 

Auszug aus dem historischen Inhaltsverzeichnis

Sz 37   Der Mächtigste weicht dem Jungen, wenn der in das Kaiserreich vordringt

05/61   Das >Kind eines großen Volkes< erschüttert den >Greisen Berg<

06/46   Schauplatz Italien: Der Papst im Exil, Österreich auf dem Rückzug

06/40   Schauplatz Deutschland: Ende der rheinischen Kurfürstentümer (1803). 

Der Rheinbund und das Ende des alten Reiches (1806) 

10/46   Preußen kann nicht helfen, Napoleon usurpiert den Kaisertitel

06/03   Die nachchristliche Zeit beginnt, die Kirche arrangiert sich

 

       Der Mächtigste weicht dem Jungen, wenn der in das Kaiserreich vordringt

 

    Sz 37     Foible & puissant seront en grand discord,/

                    Plusieurs mourront avant faire l‘ accord/

                    Foible au puissant vainqueur se fera dire,/

                    Le plus puissant au ieune cedera,/

                    Et le plus vieux des deux decedera,/

                    Lors que l’ un d’ eux envahira l’ Empire. (1605)

 

                    Schwach und Mächtig werden in großer Zwietracht sein,/

                    viele werden sterben, bevor sie sich einigen,/

                    schwach wird sich Sieger über den Mächtigen nennen lassen./

                    Der Mächtigste wird dem Jungen weichen,/

                    und der Ältere der beiden wird dahinscheiden,/

                    wenn einer von ihnen in das Kaiserreich vordringt.

 

 

Vz 1/3 [Zwietracht/ Schwach siegt]  Aus der Adlerperspektive kündigt N. die Revolution als

Kampf von Unten gegen Oben und als Folge diese Kampfes die Demokratie an.  Die Ideen der

Revolution verbreiten sich in der Folge über ganz Europa.

Vz 4 bis 6 [Mächtigster weicht/ Älterer scheidet …]  Der auf dem Papier „Mächtigste scheidet

dahin“, weil er „einem Jungen weicht“.  D.h. den alten Kaiser gibt es nicht mehr, weil ein Herrscher

ohne dynastische Tradition ihn verdrängt.  Der Kaiser des Römischen Reiches deutscher Nation

tritt 1806 ab von der Bühne der Geschichte, wenn „der Junge“, der sich seit Dezember 1804 mit

dem Titel eines Kaisers der Franzosen schmückt, ein Jahr später bei Austerlitz siegt und in Wien

einzieht, somit "in das Kaiserreich vordringt“. 

Vz 1 [Schwach und Mächtig einigen sich]  Die „Einigung“ zwischen Schwach und Mächtig meint

die konstitutionelle Monarchie, die sich im 19. Jahrhundert in Europa zur bevorzugten Staatsform

entwickelt, 4/50 (Kap.41).

 

 

       Das >Kind eines großen Volkes< erschüttert den >Greisen Berg<

 

05/61   L‘ enfant du grand n‘ estant à sa naissance,/

Subiugera les hauts monts Apennis:/

Fera trembler tous ceux de la balance,/

Et des monts feux iusque à Mont Senis. (1568)

 

Das Kind des Großen, nicht von seiner Geburt an (Großen),/

wird die hohen Berge des Apennin unterwerfen./

Es wird erschüttern all die vom Gleichgewicht/

und (all die) von den Feuerbergen bis zum Greisen Berg.

 

2) Appenins hier reimbedingt abgewandelt zu Appenis

2)4) Zu Bergen als Symbol s. Glossar unter -> mont.

3) Zum Gleichgewicht s. das Glossar unter -> balance.

4) Lat. Adj. senilis greisenhaft.

 

 

Vz 1 [Das Kind des Großen…]  Kinder können Kinder ihrer Eltern sein, 10/57 (Kap.18), oder

Kinder ihres Volkes, 2/24 (Kap.39).  Hier ist das Kind eines Volkes gemeint, das sich für groß

hält.  In allen bisher geklärten Versen ist Größe erworben, nicht angeboren, hat mit dem Adel

der alten Feudalgesellschaft nichts zu tun.  Größe widerspiegelt dabei regelmäßig nicht des

Sehers eigene, sondern die zeitgenössische Wertung, s. Exkurs (5).  Mit dem „Großen“ ist hier

das Volk der Franzosen gemeint, das von vielen Zeitgenossen, durchaus nicht nur französischen,

wegen der Revolution und ihrer Errungenschaften für großartig gehalten wird.

Vz 1 [… der nicht von seiner Geburt an groß ist]  In seinem Selbstverständnis wird das franzö-

sische Volk in den Jahren 1789ff. >groß<.  Es ist nicht von der Geburt einer großen Nation,

sondern von der Geburt ihres >Kindes< die Rede.  Dieses wird 1769 geboren, lange  b e v o r  

das Land sich zu seiner >Größe< aufschwingt.  Und es wird dann als Kind seines >großen

Volkes< auch Kind von dessen wahrer oder vermeintlicher Größe, nämlich >Kind der Revolution<,

ohne die es einen Napoleon nicht gegeben hätte.

Vz 2 [… wird die hohen Berge des Apennin unterwerfen]  Dieses >Kind< des >großen< Frank-

reich bekommen die Nachbarländer zu spüren, einige werden sogar unterworfen.  Aber wieso

Berge, warum nicht Länder oder Herrscher ?  In der alten Anschauung sind die Fürsten von

Gottes Gnaden eingesetzt, sind die Spitze einer himmelstrebenden Ordnung.  Berggipfel sind

dem Himmel näher als die Ebenen, können daher die Verbindung von Himmel und Erde bedeuten

und sinnbildlich für die Fürsten stehen.  >Berge< bedeuten bei N. von oben gestiftete Ordnungen,

d.h. Königtümer oder Kaiserreiche. General Bonaparte unterwirft auf seinem Feldzug 1796/97

die nord- und mittelitalienischen Fürstentümer.

Vz 3 [… erschüttert all die vom Gleichgewicht]  Die balance, eine Gleichgewicht anzeigende

Waage, ist bei N. Symbol der konstitutionellen Monarchie, s. Glossar.  Großbritannien ist hier

gemeint, weil es die erste und 1806 noch fast allein dastehende konstitutionelle Monarchie in

Europa ist.  Seit 1806 wird Großbritannien durch ein von Napoleon verhängtes Handelsembargo

erschüttert, welches das Land von allen Küsten des Kontinents abschneiden soll.

Vz 4 [… und von den Feuerbergen]  Das griechische Wort pyr bedeutet Feuer, und daher

können hier die P y r enäen gemeint sein.  Und es passt auch in den Kontext, denn Spanien

wird ab 1808 zum Schauplatz von Krieg und Bürgerkrieg und in diesem Sinn erschüttert. 

Napoleon muss sein Embargo Großbritanniens europaweit durchsetzen, wenn es die ge-

wünschte Wirkung haben soll.

Vz 4 [… bis zum Greisen Berg]  Der Mont Cenis auf dem Gebiet des Piemont könnte für

dieses Königreich stehen, das 1797 untergeht und 1802 teilweise von Frankreich annektiert

wird.  Aber diese Vorgänge sind schon mit der Unterwerfung Italiens in der ersten Vershälfte

erfasst.  Zudem passt es nicht in den weiten Horizont der zweiten Vershälfte.  Auch das Senis

statt des korrekten Cenis gibt zu denken.  In mittelalterlicher Anschauung halten Papsttum und

christliches Kaisertum die Verbindung von Himmel und Erde aufrecht, s. Glossar unter -> mont.

Der >Greise Berg< bedeutet das Jahrhunderte alte, schon lange schwächelnde, mehr nominell

als wirklich noch bestehende christliche Kaiserreich, das während der Napoleonischen Kriege

in Bedrängnis gerät und 1806 erlischt, 6/46 (s.u.)

 

 

      Schauplatz Italien: Der Papst im Exil, Österreich auf dem Rückzug

 

06/46   Vn iuste sera en exil renuoyé,/

Par pestilence aux confins de Nonseggle,/

Response au rouge le fera desuoyé,/

Roy rerirant à la Rane & à l’ aigle. (1568)

 

Ein Gerechter wird wieder ins Exil geschickt werden/

durch Verseuchung an den Grenzen des Nicht-Säkularen./

Antwort, die das rote (Land) erhält, wird es vom Weg abbringen./

(Ein) König zieht sich zurück vom Frosch und vom Adler.

 

2) Zur Seuche s. das Glossar unter -> peste.

Altfrz. n.m. secle irdisches Leben (vie terrestre), weltlicher Staat (état séculier).

Im Kontext der „Grenzen“ muss Nonseggle ein Land sein, und zwar ein nicht-

säkulares, also kirchlich beherrschtes Land. Secle ist abgewandelt zu Seggle.

4) rerirant ist ein verschriebenes retirant.  Lat. n.f. rana Frosch.

Zum Frosch s. Glossar unter -> rane.

 

 

Vz 1 [Gerechter wieder ins Exil geschickt]  Der „Gerechte“ ist Papst Pius VI.  Er wird tatsächlich

„ins Exil geschickt“, als ihn 1798 eine französische Armee gefangen nimmt und nötigt, nach Frank-

reich überzusiedeln.  Schon einmal ist ein Papst von Franzosen ergriffen worden, Bonifaz VIII. im

Jahr 1303.  Schon einmal sind Päpste im französischen Exil gewesen, im Exil von Avignon, begin-

nend mit Clemens V. im Jahr 1309.  Daher ist der Papst seit 1798 „wieder“ im Exil.

Vz 2 [Pestilenz an den Grenzen des Nicht-Säkularen]  Grund für die Verschleppung ist die standhafte

Weigerung des Kirchenoberhauptes, die Zivilverfassung des französischen Klerus anzuerkennen,

welche die gallikanische Kirche dem neuen Staat unterstellt.  Diese Weigerung ist es, die ihm das

positive Urteil des Sehers einträgt („Gerechter“).  Der „Nicht-Säkulare“ ist der Kirchenstaat, in den

mit den französischen Soldaten auch die neuen Ideen eindringen.  Diese hält N. wie der damalige

Papst für eine geistige >Seuche<.

Vz 3 [Antwort an den Roten bringt diesen vom Weg ab]  „Der Rote“ ist das revolutionäre Frankreich  - 

le rouge pays das rote Land.  Die Weigerung des greisen Papstes, dem französischen Ansinnen

zu entsprechen, seine abschlägige „Antwort“ werde Wirkung zeigen.  Im November 1799 kommt

Napoleon an die Macht.  Die demokratische und kirchenfeindliche Republik >kommt vom Weg ab<,

vom Weg der antiklerikalen Revolution und der Demokratie.  Denn der populäre General errichtet

ein autoritäres Regime, anerkennt die gallikanische Kirche in einem Konkordat mit Rom und setzt

sie in alte Rechte wieder ein.

Vz 4 [Rückzug vom Frosch …]  Nach der bei Austerlitz verlorenen Schlacht muss Österreich gemäß

dem Diktatfrieden von Preßburg im Dezember 1805 Venetien, Dalmatien und Istrien aufgeben. 

Das von Napoleon bezwungene Land zieht sich vom Mittelmeer zurück.  Mit dem Frosch als Grenz-

gänger zwischen Land und Gewässer ist die ins Meer gebaute Hauptstadt Venetiens gemeint.

Vz 4 [… und vom Adler]  Der Adler ist das Hoheitszeichen des Kaiserreichs.  Somit will der

>Rückzug vom Adler< besagen, dass der König, der sich aus Venetien zurückzieht, auch die

Kaiserwürde aufgeben werde.  Das geschieht dann im August 1806, als Kaiser Franz II. die

Krone des Alten Reichs niederlegt, womit das >Heilige Römische Reich< nach rund einem

Jahrtausend endet.

 

        Schauplatz Deutschland:  Ende der rheinischen Kurfürstentümer (1803).
                                Der Rheinbund und das Ende des alten Reiches (1806)

 

06/40   Grand de Magonce pour grand soif estaindre,/

Sera priué de sa grand dignité:/

Ceux de Cologne si fort le viendront plaindre,/

Que le grand groppe au Ryn sera getté.  (1568)

 

(Der) Große von Mainz wird, um großen Durst zu löschen,/

beraubt werden seiner großen Amtswürde./

Die von Köln werden das so heftig beklagen,/

dass der große Knoten in den Rhein geworfen wird.

 

1) Lat. Maguntia, französisch Magonce, steht für Mainz.

Zu Durst s. Glossar unter -> soif.

4) Groppe ist gebildet nach dem ital. n.m. groppo Knoten, Verknotung

 

 

Vz 1 [Großer von Mainz seiner großen Amtswürde beraubt …]  Das seit Ende 1794 vom Land

der Revolution besetzte Linke Rheinufer wird im Frieden von Lunéville 1801 Frankreich zuge-

schlagen.  Zum Linken Rheinufer gehören die Hauptstädte sowie große Teile der Kurfürsten-

tümer Köln, Mainz, Trier und der Kurpfalz, die nun französisch sind.  Die Kurwürden dieser

Fürsten erlöschen damit und werden durch den Reichsdeputationshauptschluss vom Februar

1803 auf andere Reichsfürsten übertragen.

Vz 2 [… um großen Durst zu löschen]  Die Revolution erkennt N. als von der widergöttlichen

Macht inspiriert, gern dargestellt als feuerspeiender Drache, 5/20 (Kap.21).  Die Kriege, die

das Land der Revolution mit seinen Nachbarn führt, gleichen Bränden.  Der Krieg als Brand,

der gelöscht werden will und darin einem Durst gleicht, kommt als Bild gelegentlich vor, 4/59

(Kap. 38).  D i e s e m  satanischen >Durst< werden die weltliche Herrschaft samt Kurwürde

der rheinischen Fürsten in den Rachen geschüttet.

Vz 3 [Die von Köln beklagen das so heftig …]  Das ist ein Sarkasmus des Sehers, der die

Aufgeschlossenheit der annektierten Deutschen für die neuen Herren und Ideen ironisiert.

  

„Viele Kölner Bürger begrüßten die französischen Revolutionstruppen als

Befreier, am Neumarkt wurde ein Freiheitsbaum errichtet …  Trotz der oft

drückenden Kontributionen blieben die Bürger loyal zum Kaiserreich Napo-

leons. Bei seinem Besuch der Stadt 1804 wurde er begeistert gefeiert.“

 

               http://de.wikipedia.org Stichwort „Köln“ 

Vz 4 [… dass der große Knoten in den Rhein geworfen wird]  Nachdem Frankreich im Bündnis

mit Baden, Württemberg und Bayern im Dezember 1805 Österreich bei Austerlitz besiegt hat,

wird im Juli 1806 der Rheinbund geschlossen, eine Militär-Allianz Frankreichs mit zunächst

sechzehn deutschen Fürsten.  Daraufhin erst legt Franz von Österreich im August 1806 die

Krone des alten Reichs nieder.  Die Institution des Kaisertums hat bis dahin das Reich zusam-

mengehalten, ein Zusammenhalt (>Knoten<), der nun aufgegeben wird.

 

 

        Preußen kann nicht helfen, Napoleon usurpiert den Kaisertitel 

 

10/46   Vie sort mort de L‘ OR vilaine indigne,/

Sera de Saxe non nouueau electeur:/

De Brunsuic mandra d’ amour signe,/

Faux le rendant au peuple seducteur.  (1568)

 

Leben weicht, Tod des Goldes, gemein, schändlich,/

es wird keinen neuen Kurfürsten Sachsens geben./

Von Braunschweig (Hilfe) wird (das) Zeichen der Liebe herbeirufen,/

(ein) Falscher gibt es dem Volk zurück, (ein) Verführer.

 

1) Zu Gold s. Glossar unter or.

3) V. mander zu sich bitten, rufen lassen

4) Das Attribut au peuple bezieht sich eher auf rendant als auf seducteur.

 

 

Vz 2/3 [Kein Kurfürst Sachsens/ Zeichen der Liebe ruft Braunschweig]  Das alte Kaisertum

>stirbt< im August 1806, als Franz II. die Krone niederlegt, >sich vom Adler zurückzieht<, 6/46 (s.o.),

und alle Reichsstände, Fürsten und Kurfürsten von ihren Pflichten gegenüber dem Reich entbindet. 

Vorausgegangen ist die Niederlage Österreichs gegen Napoleon bei Austerlitz im Dezember 1805. 

Hilfe hätte dem „Zeichen der Liebe“, dem Reichsadler als Zeichen des christlichen Kaisers, von

Preußen kommen sollen, der zweiten Großmacht des Reichs, die mit dem Herzogtum „Braun-

schweig“ verbündet ist.  Aber auch Preußen mit seinen Verbündeten unterliegt gegen Napoleon,

im Oktober 1806 bei Jena und Auerstedt. 

Vz 1 [Tod des Goldes]  Die Sonne ist bei N. Symbol für den in Christus offenbar gewordenen Gott,

seinem Selbstzeugnis nach „das Licht der Welt und des Lebens“, Johannes Kapitel 8 Vers 12. 

Als Entsprechung der Sonne bei den Metallen galt das Gold.  Der >Tod des Goldes< bedeutet

nicht den Tod Gottes, sondern das Ende der christlich fundierten >goldenen< Ordnung.  Der

>Tod des Goldes< ist eine Allegorie für das Ende des alten Kaisertums, der obersten Instanz

der >goldenen< alten Weltordnung.  Dieses Ende gilt dem in dieser Ordnung beheimateten

Seher als „gemein“ und „schändlich“.  (Vgl. die Parallele in 2/92 (Kap.30), wo das >Verbrennen

des Himmelsgoldes< das Ende des Kaisertums von Napoleon III. bedeutet).

Vz 4 [Falscher gibt es dem Volk zurück]  Ende 1804 schon hat Napoleon sich zum Kaiser der

Franzosen ausrufen lassen und sein Empire begründet, das nach den Siegen gegen Österreich

und Preußen zu einem ganz Europa umfassenden Grand Empire ausgebaut werden soll.  Sein

Kaisertum soll an die Stelle des Alten Reiches treten.  Napoleon gibt an, das Kaisertum Karls

des Großen wiederherstellen zu wollen.  Ein „Falscher“ werde das „Zeichen der Liebe“, den

Reichsadler als Zeichen des christlichen Kaisers, "dem Volk wiedergeben“ wollen.  Ein aus der

antichristlichen Revolution hervorgegangener Herrscher werde die Stelle des christlichen Kaisers

einnehmen.  Der „Falsche“, ein „Verführer“ werde die Menschen vom Christentum wegführen.

 

 

       Die nachchristliche Zeit beginnt, die Kirche arrangiert sich

 

06/03   Fleuue qu‘ esprouue le nouueau nay Celtique

Sera en grande de l’ Empire discorde:

Le ieune prince par gent ecclesiastique,

Ostera le sceptre coronal de concorde.  (1568)

 

(Der) Fluss, den der neu erschienene Keltische erprobt,/

wird in großer Zwietracht mit dem Kaiserreich sein./

Der junge Fürst wird durch Leute der Kirche/

wegnehmen das zur Krone gehörende Szepter der Eintracht.

 

1) Es könnte auch der Fluss sein, der den Keltischen erprobt, aber die

Deutung ergibt, dass die angegebene Übersetzungsmöglichkeit gemeint ist.

4) Lat. Adj. coronalis zum Kranz gehörig

 

 

Vz 1  [Neu erschienener Keltischer …]  Napoleon ist ein Emporkömmling, er ist der „neu Er-

schienene“.  Als >keltisch< im Sinne von neuheidnisch gilt N. die Zeit nach der französischen

Revolution, s. Glossar.  Deren Ideen verbreiten sich über das ganze Abendland, dieses verliert

für ihn den christlichen Charakter.  Wenn die Menschen den Gehorsam, den sie ihren Herren

auch von Gott her schulden, aufkündigen, beginnt die nachchristliche Zeit. 

Vz 2 [.. in großer Zwietracht mit dem Kaiserreich]  Neben Großbritannien ist Österreich, dessen

König immer noch den Kaisertitel trägt, Hauptgegner Frankreichs unter Napoleon.  Die Verpflich-

tung deutscher Fürsten zu Vasallen Frankreichs und die Auflösung des alten Kaiserreichs sind

die Hauptziele Napoleons, der ein Grand Empire unter französischer Vorherrschaft errichten will.

Vz 1 [… erprobt Fluss]  Bei Ausbruch des dritten Koalitionskrieges im September 1805 ver-

bünden sich Bayern, Baden und Württemberg mit Napoleon und besiegen Österreich.  Die

daraufhin im Juli 1806 geschlossene Confédération du Rhin (Rheinbund), ein Militärbündnis

zahlreicher deutscher Fürsten mit Frankreich, kommt einem offenen Verrat des Reichs gleich. 

Der >Rhein< wird zum >keltischen Fluss<, 6/4 (Kap.27), d.h. zum Symbol für das Ende der

christlichen Ära  -  der Fluss der Zeit wird nachchristlich.  Der >Rhein<, die Grenze zwischen

Frankreich und Deutschland, steht hier für das 1805 erfolgreich erprobte Bündnis Napoleons

mit den deutschen Fürsten.  Dieses Bündnis bedeutet das endgültige Aus für das alte Kaiser-

reich, das vom Fluss der Zeit weggespült wird. Das uralte Band, das die Vielzahl der deutschen

Fürstentümer zusammenhält, >wird im Rhein begraben<, 6/47 (s.o.). 

Vz 3/4  [Junger Fürst nimmt Szepter der Eintracht weg …]  Das „Szepter der Eintracht“ ist das

Szepter des Kaisers, der die politische Einheit der Christen bis dahin verkörpert hat.  Mit der

christlichen Eintracht ist es, spätestens seit der Reformation, nie weit her gewesen.  Aber im

Jahr 1806 ist nun auch das  Z e i c h e n  der politischen Einheit der Christen von der Bühne

der Geschichte abgetreten, „weggenommen“ durch einen Siebenunddreißigjährigen, der erst

zwei Jahre zuvor zum Fürsten avanciert ist.

Vz 3  [… durch Leute der Kirche]  Die katholische Kirche hat nicht aktiv auf die Beseitigung

des alten Reichs hingewirkt.  Aber Pius VII. arrangiert sich mit Napoleon und schließt 1801

ein Konkordat mit Frankreich.  Darin anerkennt er die französische Republik und die Zivilver-

fassung des französischen Klerus, was sein Vorgänger im Amt noch verweigert hat, 6/46 (s.o.). 

Ende 1804 wird er genötigt, Napoleon zum Kaiser zu salben.  Pius VII. ist Realpolitiker  - 

N. aber will in ihm fast einen Komplicen des >großen Kelten< erkennen, der er sicherlich

nicht gewesen ist.